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John Rawls war ein US-amerikanischer Philosoph, der in der Mitte des letzten Jahrhunderts an der Universität Harvard lehrte. Sein Hauptwerk „Die Theorie der Gerechtigkeit” gilt als wichtiges Werk der politischen Philosophie des 20. Jahrhunderts. John Rawls schlägt vor, individuelle Leistung und gemeinschaftliche Solidarität insgesamt so aufeinander abzustimmen, dass am Ende ein System entsteht, das vergleichbar mit unserer sozialen Marktwirtschaft heute ist.

Dazu stellt er drei Prinzipien der Gerechtigkeit auf, die es ermöglichen sollen, einen Ausgleich zwischen Leistungsanreizen und Grundsicherungen vorzunehmen. Gerechtigkeit wäre also nicht gleichzusetzen mit mathematischer Gleichheit. Das heißt nicht alle bekommen das gleiche. Sondern diejenigen die benachteiligt sind, bekommen mehr.

In einem Gedankenexperiment stellte er sich vor, welche Grundsätze sich Menschen für eine gerechte Gesellschaft geben würden, wenn sie ganz am Anfang drei Grundregeln aufstellen könnten, bevor sie noch selbst wissen, was genau auf sie zukommt.

John Rawls kommt dabei auf folgende Regeln:

1. Jeder hat die gleichen fundamentalen Bürgerrechte und ist grundsätzlich jedem gleichgestellt.

2. Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten können eventuell im Interesse aller sein; das heißt, sie sind nur dann berechtigt, wenn sie auch den am wenigsten Begünstigten mehr Vorteile bringen als strikte Gleichheit; darüber hinaus soll Chancengleichheit herrschen.

3. Das erste Prinzip hat absoluten Vorrang vor, dem zweiten, das heißt eine Einschränkung der Bürgerrechte zugunsten ökonomischer Vorteile soll ausgeschlossen sein.

Der Inselstaat muss also durch Umverteilungsmaßnahmen, wie etwa die Steuergesetzgebung oder die Sicherung eines Existenzminimums dafür sorgen, dass diese Regeln eingehalten werden.

Diese drei Prinzipien, welche John Rawls 1971 beschrieben hat, sind die Grundregeln auf die unsere heutige soziale Marktwirtschaft und unsere Demokratien in Deutschland und Europa aufbauen.

Die Grundprinzipien klingen einleuchtend und perfekt. Und dennoch funktioniert unser System offenbar nicht. Es gibt nach wie vor auf der Welt, in Europa und auch in Deutschland Menschen, welche am Existenzminimum leben müssen. Menschen, die nicht wissen, wie sie am Ende des Monats noch ihre Rechnungen begleichen sollen. Menschen, die ihre Schulden nicht zurückzahlen können. Es gibt Dinge, die wir nach wie vor als ungerecht empfinden.

Warum verdient ein Chefarzt das dreifache von dem einer Krankenschwester? Obwohl beide gleich lange Arbeiten und beide mit Herzblut sich für kranke Menschen aufopfern?

Warum bekommt der Topmanager noch einen fetten Bonus, obwohl er die Firma gegen die Wand gefahren hat? Was kann ein Rentner in Griechenland dafür, dass sein Land eine Schuldenkriese durchläuft? Wo bleibt denn da die Gerechtigkeit?

Was bedeutet eigentlich Gerechtigkeit? Die Antwort darauf ist nicht leicht zu finden. Dabei ist die Frage schon Jahrtausende alt. Bereits die altorientalische, die griechische, die römische und die mittelalterliche Gesellschaft hatte die Frage diskutiert.

Und sie konnten dabei auf Schriften aufbauen, welche 500 Jahre vor Christus in Judäa verfasst wurden. Damals herrschten die Perser über die Juden, mit einer harten und kompromisslosen Steuer- und Kreditpolitik. Sich dagegen aufzulehnen hätte nur härtere Maßnahmen zur Folge gehabt. Darum werden sich viele als schuldlos an der Verelendung des Volkes gesehen haben, zumal sie das geltende Kreditrecht ebenfalls nicht persönlich zu verantworten hatten, da es allgemein galt und seit jeher praktiziert wurde.

Die neue Jahwereligion gibt in diesem Umfeld jedoch einen neuen Impuls.  Ein Teil der jüdischen Oberschicht wird ihrer sozialen Verpflichtung bewusst. Allen voran setzte der Prophet Nehemia selbst den Maßstab sozialer Solidarität. Er und seine Parteigänger verpflichteten sich sogar dazu, einen regelmäßigen Schuldenerlass zu praktizieren. Sie scheuten sich auch nicht vor offenen Konflikten mit Kollegen aus der Oberschicht, wenn es darum ging, die Rechte von Kleinbauern vor Gericht zu verteidigen.

So finden wir heute zahlreiche Handlungsempfehlungen im Alten und Neuen Testament für eine gerechtere Welt. Wie beispielsweise die Fürsorge für die Schwachen, das Verbot Zinsen und Pfand zu nehmen oder alle sieben Jahre die Schulden zu erlassen. Der ganze Grundtenor der Bibel lautet Gerechtigkeit. Getragen von der Erkenntnis welche ganz am Anfange der Bibel steht. Alle Menschen sind ein Abbild Gottes. Das heißt alle sind gleich.

Und noch heute gibt es Christen, die sich an diese Grundwerte erinnern und für die sie eintreten. Menschen setzen sich ein für die Kranken und Sterbenden. Für Benachteiligte und Rechtlose, für Arme, Flüchtlinge und Migranten. Sie treten ein für die Würde des menschlichen Lebens in seiner Verletzlichkeit und Endlichkeit.

Es ist ein großes Glück, dass wir in einem demokratischen Staat wie Deutschland leben dürfen. Welcher auf unumstößliche Prinzipien, wie die von John Rawls, aufgebaut ist.

Und dennoch kann ein komplexes Rechtssystem, wie das unsere, nicht für endgültige Gerechtigkeit sorgen. Es bedarf immer Menschen die sich für Andere engagieren. Die aufstehen und Ungerechtigkeiten ansprechen und sich dagegen wehren.

Daher bedarf es meiner Meinung nach, neben dem Staat und der freien Wirtschaft, auch immer noch die Kirchen. In denen sich Menschen, gestützt durch ihren Glauben, engagieren können. Deswegen bleibt es die Aufgabe der Kirche  in Gemeinde und Öffentlichkeit bewusst zu machen, dass in der Anwaltschaft für andere, im Eintreten für Vielfalt, in der Förderung sozialen Lernens und sozialen Engagements, wie in den sozialen Dienstleistungen die jüdisch- christliche Wurzel unserer Kultur sichtbar wird.

Christian Kissling
BAK-Mitglied